Ich habe Marken aufgebaut, Teams geführt und bin an meinen eigenen Ansprüchen gescheitert. Heute will ich Menschen begleiten, die ihren eigenen Weg gehen.
Ich erzähle hier, woher ich komme. Was mich geprägt hat. Und was ich erst lernen musste.
Ich werde in Wels in Oberösterreich geboren und trage zunächst den Namen meiner Mutter. Im März 1977 heiraten meine Eltern. Von da an heiße ich Roland Trnik.
Mich verbindet besonders viel mit der mütterlichen Seite, der Familie Puck aus St. Veit an der Glan. Auch das Kochen begleitet mich seit meiner frühesten Kindheit.
Warum ich Roland heiße
Väterlicherseits heißt der Erstgeborene seit Generationen Anton. Ich heiße Roland, weil kurz vor meiner Geburt der beste Freund meines Vaters bei einem Bergunfall stirbt. Meine Mutter schlägt vor, mich nach ihm zu benennen, und überzeugt meinen Vater und meinen Großvater. Mein Großvater besteht auf Anton als zweitem Taufnamen.
Meine Brüder kommen zur Welt: eineiige Zwillinge. Der zuerst geborene trägt den Namen Anton. Bei ihrer Tauffeier im Oktober stehe zum ersten Mal nicht ich als einziger Nachwuchs im Mittelpunkt.
An diesem Tag verdiene ich mein erstes selbst erwirtschaftetes Geld. Eine Geschichte, die ich bis heute gern beim Essen erzähle.
Meine Mutter muss ganztags arbeiten. Eine Nachmittagsbetreuung für mich als Volksschüler zu finden, ist schwierig. Deshalb betreut mich meine Klassenlehrerin einige Monate lang. Leider lässt sich heute nicht mehr sagen, wie diese tolle Frau hieß.
1990 ist für mich ein einschneidendes Jahr. Ich weiß, dass ich schwul bin. Im selben Jahr erscheint Madonnas „Vogue“, der prägendste Song meiner Jugend.
Meine ersten eigenen Nächte
Meiner Mutter erzähle ich, dass ich bei meiner Freundin schlafe. Tatsächlich fahre ich nach Linz und entdecke das „geheime“ Nachtleben der Stadt. Dort mache ich auch meine ersten schwulen Erfahrungen.
Trotzdem breche ich die Schule ab. Ich will mein eigenes Geld verdienen und nicht mehr von meinem Stiefvater abhängig sein. Meine Mutter hat ihn 1986 geheiratet. Als Familienoberhaupt habe ich ihn nie anerkannt.
Bei bauMax-x in Wels beginne ich als Bürokaufmann. Schon im ersten Lehrjahr ist mir das Büro allein zu wenig „tagesfüllend“. Ich will die übrigen Bereiche des Marktes kennenlernen: die „Fläche“.
Ab dem zweiten Lehrjahr lerne ich zusätzlich Einzelhandelskaufmann. Ich erlebe bauMax-x als hervorragenden Ausbildner und genieße mein Arbeitsleben in vollen Zügen.
Ein Vorbild, das mir bleibt
Mein Einstieg als männlicher Bürokaufmann bekommt im Unternehmen viel Aufmerksamkeit. Sogar Kommerzialrat Essl sen. interessiert sich dafür. Ich verehre ihn bis heute: Er kennt die Mitarbeiter*innen in den Märkten beim Namen, auch ohne Namensschild. Für mich ein Mann von großem Format.
Meine Homosexualität ist vor meinem Stiefvater nicht mehr zu verbergen. Unser Verhältnis ist schwierig. Ein Umzug zu meinem Vater und seiner zweiten Familie scheint mir die sinnvollste Lösung. Noch im selben Jahr ziehe ich zu ihnen.
Ich schließe meine Lehrausbildung erfolgreich ab. Schon vor der Lehrabschlussprüfung leite ich die Gartenabteilung bei bauMax-x. Ich bin eine sehr junge, sehr motivierte Führungskraft.
An meinem 18. Geburtstag ziehe ich bei meinem Vater aus. Ich habe immer gesagt, dass ich das genau an diesem Tag machen werde. Trotzdem ist er überrascht und sichtlich verletzt, als ich tatsächlich gehe.
Mein Blick auf diesen Abschied
Ich glaube, er wollte Zeit mit mir, um nachzuholen, was wir in den Jahren davor nicht hatten. Mir war das aber nie wichtig.
Mein Weg bei OBI führt mich von der Gartencenterleitung in Wels und der Einschulung weiterer Crews in die Systemzentrale nach Wien. Aufwändige Pflanzenpräsentationen und Erlebniseinkauf sind meine Leidenschaft.
In der für Süd- und Osteuropa geschaffenen Abteilung „Operations Development“ verantworte ich Beschilderung und POS-Materialien. Später wechsle ich ins Marketing und übernehme zusätzlich zur Instore-Kommunikation das POS-Marketing.
Was ich bei „OBI Future“ lerne
Im Headquarter in Wermelskirchen werde ich in „OBI Future“ eingebunden. Wir wollen es Kund*innen leichter machen, sich auf den großen Flächen selbst zurechtzufinden.
Ich arbeite auch daran mit, den Namen OBI als Absender der Kommunikation deutlicher zu machen. Wir nehmen den Biber bewusst zurück und führen ihn später mit einer klareren Rolle wieder ein. Darauf bin ich bis heute ein bisschen stolz.
Im POS-Marketing darf ich riesige Pylone planen und errichten lassen und mit der ASFINAG verhandeln. Ich sammle ungemein wertvolle Erfahrungen.
Ich übernehme die Werbeleitung bei OBI. Meine Verantwortung umfasst Österreich, Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Wieder werde ich gefördert und gefordert. Berufsbegleitend absolviere ich vier Semester Kommunikationsmanagement an der Werbeakademie.
Ich fühle mich im Olymp der österreichischen Werbewelt: am Schalter für millionenschwere Werbebudgets und am „richtigen“ Ende der Nahrungskette.
Ich bekomme einen neuen Chef, der verständlicherweise der Kommunikation seinen Stempel geben will. Ich habe die Kampagnenkommunikation allerdings schon für ein weiteres Jahr praktisch festgeschrieben. Es kommt zum Konflikt. Ende 2008 ist klar, dass ich gehen muss.
In der Wirtschaftskrise werden meine Aussichten auf einen gleichwertigen Job auf Unternehmensseite schlagartig kleiner. Im März 2009 endet meine Zeit bei OBI.
Mit meinem damaligen Nachbarn Markus Nutz spiele ich immer wieder eine Idee durch: Marketing + Technik = etwas Neues. Ich weiß, dass ihn das reizen würde. Aber ich frage ihn nie, ob er diesen großen Schritt wirklich gehen will.
Ich teile ihm im Frühjahr schlicht per ICQ mit, dass ich eine berufliche Entscheidung getroffen habe und wir das jetzt machen: SPiNNWERK.
Die Stimmfabrik ist mein erstes Projekt als Selbstständiger. Ich führe die neue Marke ein und nehme den Kunden anschließend mit ins SPiNNWERK. Die Arbeit für die Stimmfabrik begleitet mich bis heute.
Ich absolviere den Diplomlehrgang Online-Marketing an der Werbeakademie Wien. Ich vertiefe mein Wissen von E-Commerce und Community Building über Suchmaschinenmarketing bis zu Tracking und Analyse.
Ich verantworte Strategie, Konzeption, Kreation und Kundenberatung. Ich gewinne neue Kunden, baue das Kreativdepartment auf und entwickle mit dem Team Kampagnen für den DACH-Raum.
Wir arbeiten seit 2009 an SPiNNWERK. Im Herbst 2010 gehen wir offiziell auf den Markt. Ganz frisch dabei, bekommen wir eine Einladung zum Social-Media-Pitch bei Unilever Austria. Es geht um Knorr.
Hanna Spegel kennt die Kommunikationschefin Barbara Fuchs-Puchner aus gemeinsamer Arbeit in einer PR-Agentur. Hanna und ich haben zusammen den ersten Jahrgang des Diplomlehrgangs Online-Marketing an der Werbeakademie gemacht. Ich weiß schon lange, dass ich sie im Team haben will. Gemeinsam mit Irene Schuch und Markus Nutz ist sie das Startteam von SPiNNWERK.
Unser Ansatz: Wir wollen keine Community von Menschen, die eine Traumküche oder tolle Pfannen gewinnen möchten. Wir wollen Menschen, die ganz einfach ein kleines Testpaket mit Knorr-Produkten haben wollen. Menschen, die wirklich Interesse am Produkt haben, obwohl Fertigprodukte nicht gerade einen sexy Ruf genießen.
Die Idee ist nicht leicht durchzusetzen. Ich kann überzeugen. Wir bekommen zunächst 5.000 Testpakete zugesagt. Als die Aktion läuft, sind sie nach zwei Tagen weg. Wir stocken auf insgesamt 10.000 auf. Menschen bekennen sich dazu, dass sie Knorr gerne testen wollen.
Am 8. März 2011 wird der neue Etat öffentlich: SPiNNWERK betreut Social Media für Knorr Österreich (AllesWerbung).
Gunnar wechselt von Knorr zu Eskimo. Als wir uns mit dem Tschisi-Comeback beschäftigen, ist die Sehnsucht nach dem gelben Eis längst da. Schon vorher gibt es Unterschriftenlisten, Anfragen und Bewegungen auf Social Media. Die Nachfrage müssen wir nicht erfinden.
Im Auftrag von Eskimo entwickle ich einen Verstärker: eine Wette und die Kommunikation dazu. Die Idee zur Wette ist meine. Peter Brandlmayr, mein ältester Freund aus der Schulzeit, macht mit. Über ihn lerne ich Marcel Schachinger kennen. Beide sind aus Spaß an der Sache dabei, ohne Bezahlung.
Ich dirigiere die Kampagne, aber Peter und Marcel bekommen viel freie Hand bei der Ausgestaltung der Wette und ihrer Kommunikation. Das ist mir bis heute wichtig: Wenn man Multiplikatoren, Influencer oder Creator in eine Marke holt, müssen sie sie selbst bleiben dürfen.
Auch innerhalb von Unilever ist die Rückkehr nicht einfach durchzusetzen. Die Schwierigkeiten sind echt und werden kommuniziert. Das größte Problem ist das handgeschriebene Rezept des Werkmeisters. Man muss es erst einmal in Bergen analoger Ordner finden. Und dann klären, welches Rezept nun tatsächlich das Original ist.
Die Produktionsstraße für die typischen Löcher gibt es ebenfalls nicht mehr. Eine eigene Linie für ein kleines Land wieder aufzubauen, wäre teuer. Die Lösung ist die Brickerl-Fertigungsstraße. Das Tschisi kommt zurück, aber ohne Löcher.
Das Comeback wird eine der erfolgreichsten Eskimo-Produkteinführungen: Im Juli 2013 berichtet Gunnar von knapp acht Millionen verkauften Stück seit Kalenderwoche zehn (HORIZONT).
Mit der Einführung bekommen wir den gesamten Eskimo-Social-Media-Etat. Davor wird er aus Deutschland gesteuert. Später stellt ein Journalist über Check-ins die Verbindung zwischen Peter, SPiNNWERK und mir her. Ich erzähle den Case danach immer wieder in meinen Vorlesungen.
In Hamburg kommen die ersten Tschisi-Handmuster an. Bei einer der für mich wichtigsten Verkostungen sitzen Britta, ihre Chefin Susanne und ich mit am Tisch. An das genaue Datum erinnere ich mich nicht mehr. Es muss gegen Jahresende gewesen sein.
Wir teilen ein einziges Eis unter mehreren Menschen. Ich glaube, wir sind zu sechst. So kostbar sind diese ersten Muster damals.
Die große Frage ist: Schmeckt es wie früher? Ich koste. Und die Erinnerung ist sofort da: meine Kindheit, dieser Vanillepudding-Geschmack. Ein kleines Stück Eis und plötzlich so viel mehr.
Susanne Biljes, heute Susanne Lutkat, wird für mich schnell mehr als eine Auftraggeberin. So etwas wie eine Freundin.
Der nächste Etatgewinn ist Magnum. Ich kann Susanne überzeugen, und wir gewinnen alle drei Länder: Deutschland, Österreich und die Schweiz.
Aus der Zusammenarbeit mit Eskimo wächst die Verantwortung für Magnum DACH. Es ist der nächste Schritt unserer gemeinsamen Geschichte. Das genaue Jahr des Etatgewinns muss ich noch nachsehen.
Für die Fachgruppe Werbung entwickle, organisiere und leite ich die Kursreihe „Digital Fitness Friday“. Ich unterrichte zu Social Media und Online-Marketing.
Als Managing Partner kümmere ich mich um Business Development, Personal, Employer Branding, Marketing und PR. Operativ verantworte ich weiterhin Strategie, Konzeption, Kreation und Kundenberatung.
Was ich heute anders sehe
Durch meine Medienauftritte werde ich schnell zum Gesicht der Agentur. Ich teile die Bühne nicht. Wahrscheinlich trägt meine Art, Menschen mit Begeisterung und Antrieb zu überfordern, dazu bei, dass mein Verhältnis zu Markus schwieriger wird.
Ich suche die Bühne nie wirklich. Sie bietet sich an, und ich nutze sie. In einem Live-Fernsehinterview bin ich fokussierter als bei einem geplanten Dreh für einen Beitrag.
Ich konzipiere, leite und vermarkte den Diplomlehrgang Social Media Management. Ich unterrichte Strategie, Employer Branding, Content Planning, Social CRM sowie Analyse und Monitoring.
Lipton bringt Heißtee nach Österreich. Wir sollen die deutsche Kampagne „Lipton heißt willkommen“ adaptieren: ein Haus, in dem alle willkommen sind. Für mich wird es die politischste Kampagne meiner Karriere.
Susanne ist die treibende Kraft hinter der Haltungskampagne. Ich mache absolute Freiheit im Community-Management zur Bedingung. Mir ist klar, dass uns ein Shitstorm von rechts bevorsteht. Mehr noch: Ich will die Provokation bewusst als Reichweitenhebel nutzen. Susanne weiß das und lässt mich machen.
Das Sujet stammt von mir: „Offenheit versetzt Berge. Mehr denn je!“ Ich greife „Mehr denn je“ bewusst als Anspielung auf Van der Bellen auf. Es ist Bundespräsidentenwahljahr. Die politische Aufladung ist kein Versehen.
Die ersten 24 Stunden übernehme ich das Community-Management selbst, um mein Team zu schützen. Und weil ich es genieße, goschert sein zu dürfen. Ich habe volle Rückendeckung. Frech ja, bösartig oder aggressiv nein.
Ein Kommentar bleibt mir besonders im Gedächtnis: Ein Nutzer schreibt sinngemäß, bevor er unser „linkslinkes Gesöff“ trinke, trinke er lieber seinen eigenen Urin. Ich antworte sinngemäß: Na dann lass es Dir gut schmecken.
Weniger lustig sind Gewaltaufrufe auf Twitter gegen mich als verantwortlichen Agenturchef. Manche kommen nach meinem damaligen Erleben Mordaufrufen nahe. Susanne steht auch dann hinter mir. Ich fühle mich weniger bedroht als bestätigt: in der Haltung der Kampagne und in meiner Einschätzung der Angreifer.
DER STANDARD berichtet über die Mobilisierung, auch aus der identitären Bewegung, gegen Liptons Aufruf zu Offenheit und Austausch (DER STANDARD).
Mit dem Artikel dreht sich nach meiner Erinnerung die Stimmung. Auf den Shitstorm folgt ein Candystorm. Menschen zeigen Fotos ganzer Einkaufswägen voller Lipton-Tee, den sie gekauft haben, weil sie die Kampagne mutig finden.
Im Jahr vor meinem Exit versuche ich mit Nachdruck, die Agentur zum „Vollsortimenter“ zu entwickeln. Ich halte diese Richtung bis heute für richtig. Unsere Vorstellungen gehen auseinander.
Mit the5thP versuche ich, meine Vorstellung einer Agentur für integrierte Kommunikation in viel zu hohem Tempo umzusetzen. Die Richtung halte ich für richtig. Meine Umsetzung als Geschäftsführer und Führungskraft ist ein Desaster.
Aus diesem Scheitern lerne ich mehr als aus jedem Erfolg: über mich und über ein gesundes Maß an Ehrgeiz und Disziplin.
Nach meinem Exit verliert sich der Kontakt zu vielen Menschen bei Unilever. Mit Britta bleibe ich in Kontakt. Susanne und viele andere verliere ich aus den Augen.
Den Konzern und seine Marken habe ich nie vermisst. Die Menschen aus der Zeit aber umso mehr.
So muss Zusammenarbeit zwischen Marken und Kreativen für mich laufen: einander vertrauen, Freiraum geben und auch bei Gegenwind zusammenstehen. Was bleibt, sind nicht die Logos auf einer Kundenliste. Es sind die Menschen, mit denen etwas möglich war.
Zum geplanten offiziellen Eröffnungszeitpunkt von the5thP wird mein Burnout deutlich. Was ich vorantreiben will, geht weit über meine Kräfte. Die folgenden Monate werden zu einer schweren persönlichen Krise.
Ich wollte beweisen, dass meine Wahrheit die richtige ist. Sie war es nicht.
Auf der Psychiatrie des AKH Wien wird mir unglaublich liebevoll und professionell geholfen. In der Ergotherapie lerne ich Buchbinden. Das bleibt mir bis heute in allerschönster Erinnerung.
Schon Anfang 2020 bin ich wieder arbeitsfähig. Ich halte the5thP weiter am Leben, zuletzt als One-Man-Show. Keynotes, Vorträge und Workshops halten mich gerade noch über Wasser.
Am Tag, an dem der erste Lockdown angekündigt wird, werden alle meine Keynotes, Vorträge und Workshops abgesagt. Damit ist the5thP auch als One-Man-Show nicht mehr überlebensfähig.
Ich will mich nicht noch einmal selbst überfordern. Durch einen Hinweis meiner Schwester finde ich beim Verein NEUSTART eine Stellenausschreibung für „Digitale Kommunikation“, 30 Stunden pro Woche.
Ich finde dort eine Aufgabe, die für mich einen tieferen Sinn hat als meine bisherige Welt der Werbung und des Marketings. Was ich über PR zuvor theoretisch weiß, wird mein neues Betätigungsfeld. Bei NEUSTART lerne ich gute Kommunikation im wahrsten Sinne.
Mit wem ich kommuniziere
Nicht der Medienkontakt steht für mich im Mittelpunkt, sondern Social-Media-User*innen, Websitebesucher*innen und interne Kolleg*innen.
Dazu kommt die in meiner Zeit begonnene Kommunikation mit institutionellen Ansprechpartner*innen: Menschen im Justizapparat, im Ministerium, in den Bundesländern, anderen Körperschaften, NGOs und NPOs. Ganz besonders wichtig ist mir die Kommunikation mit den vielen ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter*innen des Vereins.
Nach meiner Zeit bei NEUSTART gehe ich auf leisen Füßen zurück in die Selbstständigkeit. Ich versuche zu tun, was ich kann.
Mir geht es in diesen Jahren nicht mehr so schlecht wie in meiner damaligen Krise. Depressionen bleiben aber ein fester Bestandteil meines Lebens. Rückblickend glaube ich, seit Mitte der 2010er-Jahre nicht mehr uneingeschränkt psychisch gesund gewesen zu sein.
Anfang 2026 beschließe ich, trotz der Diagnose „therapieresistente Depression“ noch einmal alles daran zu setzen, in meinem Leben „Erfolg“ zu haben.
Mein langjähriger Therapeut, den ich über die Maßen schätze, fragt mich im Jänner, ob er mit mir ACT versuchen darf. Ich sage ihm, er darf alles versuchen. Schon die erste Stunde wird für mich zu einem Wendepunkt. Ich erlebe eine Veränderung, wie ich sie zuvor in keiner Behandlung so schnell erlebt habe.
Was Akzeptanz für mich verändert
Ihm verdanke ich aus meiner Sicht den größten Erfolg meiner ersten 50 Lebensjahre. Die Beschäftigung mit radikaler Akzeptanz hilft mir enorm, besonders dabei, meine didaktischen Fähigkeiten anzuwenden.
Jahre nach meinem Ausstieg bei SPiNNWERK war mir in der Didaktikausbildung für Hochschullektor*innen an der FH St. Pölten ein Satz begegnet: „Lehren heißt lernen LASSEN.“ Jetzt beginne ich zu spüren, wie es sich anfühlt, ein guter Trainer zu sein und nicht nur ein guter Vortragender.
Ich entscheide mich für eine umfassende psychologische Austestung. Das Ergebnis lautet ADS. Das Ausmaß überrascht mich sehr.
Seitdem nehme ich Ritalin. Die Veränderungen, die ich in den folgenden Monaten erlebe, bedeuten mir enorm viel.
Meine persönliche Erfahrung bis September 2026
Inzwischen nehme ich Ritalin in geringeren Dosen. Seit wenigen Wochen nehme ich erstmals seit Beginn der Pandemie keine Schlafmedikation und keine Antidepressiva mehr.
Es fühlt sich an, als würde mein Kopf wieder so funktionieren wie vor 30 Jahren. Ich spreche wieder sicher und selbstverständlich Englisch. Songtexte aus meiner Jugend sind plötzlich wieder vollständig da.
Ich beschreibe hier mein persönliches Erleben, keine Empfehlung zur Einnahme, Dosisänderung oder zum Absetzen von Medikamenten.
Ich arbeite als Kommunikationsberater, Trainer und Gesprächspartner in Wien. Ich bringe Erfahrung aus Handel, Markenkommunikation, Agenturführung und Lehre mit. Und Erfahrung darin, an den eigenen Ansprüchen zu scheitern.
Mit puck.house möchte ich einen Ort entwickeln, an dem Menschen in ihre eigene Stärke finden. Lieber als mich selbst sehe ich Menschen auf einer Bühne, die ich dorthin begleiten durfte. Das erfüllt mich. Mir muss ich nichts mehr beweisen.
Ich beginne, wie ein Teenager zu singen: laut, falsch und mit Begeisterung.
So schließt sich für mich der Kreis zur Stimmfabrik. Seit meinem ersten Projekt als Selbstständiger 2009 begleite ich diese Marke. Jetzt spüre ich selbst, wie gut mir Singen tut. Zum ersten Mal in meinem Leben denke ich darüber nach, es zu lernen.
Ich treffe einen Mann, den ich mir wunderbarer nicht vorstellen kann. Schön, klug, gebildet. Voller Liebe zu Kunst, Kultur, Kino und Sprache. Es folgt eine Zeit voller wunderschöner, intensiver Begegnungen: intellektuell, sexuell UND emotional. In dieser Form und Intensität ist das neu für mich.
Wir lieben uns. Und trotzdem treffen wir uns zur falschen Zeit am eigentlich richtigen Ort. Am 15. Oktober verlässt er Wien. Die Entscheidung ist gefallen, bevor wir einander begegnen. Wien, MEIN Wien, war nicht gut zu ihm. Er hat alles. Außer schneeweißer Haut. Dass er hier Rassismus erlebt hat, tut mir weh.
Ich komme mit diesem Ausmaß an Glück und diesem miesen Timing nicht zurecht. Zwei Tage länger. Er bei mir an meinem verschissenen 50er. Meine Welt sähe völlig anders aus. Wahrscheinlich wäre ich fürs Wochenende einfach mit ihm fortgeflogen.
Das alles berührt auch meine Vorstellung von Europa. Ich will ein Europa, das Zuwanderung aktiv gestaltet und Menschen eine echte Chance gibt. Nicht, weil das einfach wäre oder alles daran super ist. Sondern weil wir es selbst brauchen. Und weil wir Geburtslottosieger dem globalen Süden mehr schulden, als wir uns eingestehen wollen.
Ein Jahrzehnt „Die Pucks“ geht zu Ende. Wir waren das 13. gleichgeschlechtliche Paar, das in Wien getraut wurde. Heute sind wir geschieden, wie mehr als jede dritte Ehe in Österreich.
So schlimm die Wochen vor der Scheidung emotional waren, so würdevoll und sogar humorvoll verläuft die Scheidung am Bezirksgericht Innere Stadt Wien. Die Richterin ist sehr klug und sehr angenehm. Fast, als hätten wir uns zum Kaffeeplausch getroffen.
Nachtrag vom 30. Oktober: Ein Datum, zwei neue Kapitel
Erst am 30. Oktober erfahre ich, dass Gunnar Widhalm genau an meinem Scheidungstag die Geschäftsführung von Unilever Austria übernommen hat, am 1. Oktober 2026 (Extrajournal).
Für ihn beginnt eine neue Aufgabe. Bei mir endet eine Ehe. Zwei sehr verschiedene Einschnitte, verbunden durch ein Datum. Als ich davon erfahre, denke ich daran, wie unsere gemeinsame Geschichte einmal mit Knorr angefangen hat.
Der 10.10. um 10:10 Uhr ist viel zu kurzfristig angesetzt. Aber als Datum ist er zu gut, um ihn nicht zu nutzen. An Schlaf ist nicht zu denken.
Dann geht edition1010.wien online: meine erste eigene Marke, komplett von mir erdacht. Sie entwickelt sich seither jeden Tag weiter. Besonders stolz bin ich auf die europäische Dimension des Projekts.
Es wird die desaströseste Geburtstagsparty meines Lebens und gleichzeitig wahrscheinlich der beste Tag meines Lebens bisher. Die Party versinkt im Chaos. Gäste kommen nicht. Die Monteure montieren nicht, was fertig sein sollte. Meine Lieferung mit Lebensmitteln und Getränken geht komplett schief. Und ich Irrer halte es zu Mittag noch für eine gute Idee, den Boden zu schleifen. Nein, war es nicht.
Aus der ärgsten Katastrophe helfen mir The House of Julius Meinl und vor allem die wahnsinnig tollen Menschen dort. Ganz unkompliziert.
Übrig bleibt (k)eine Party. Aber fast fertige, jedenfalls voll funktionsfähige Puck-Häuser in Form von Websites für alle meine Babies: puck.page, edition1010.wien, puck.house und mein Herzensanliegen puck.salon. Digital first. Eine gigantische Eröffnung ohne Party.
Die schönsten Momente dieses Tages sind die tränenreichsten. Mein Ex-Mann schreibt mir eine unglaublich berührende Glückwunschnachricht. Meine „älteste“ Freundin, die ich in den letzten Jahren viel zu sehr aus den Augen verloren habe, sieht mich in ihrer Nachricht so, wie ich heute tatsächlich bin.
Eine Kollegin aus der Werbung erzählt mir in einer Sprachnachricht, dass sie so ziemlich genau die gleiche Scheiße durchlaufen musste, als sie 50 wurde. Und dass ich mir sicher sein soll: Die zweite Halbzeit wird die entscheidende.
Das höre ich an diesem Tag ein paarmal. Immer von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen. Dass sie es wissen, war mir bis dahin nicht klar.
Ein Schlussstrich unter die erste Halbzeit von hoffentlich drei. Denn jetzt will ich 150 werden. Na dann bin ich schon einmal gespannt auf die dritte Halbzeit. Die geht ja auch schon „bald“ los. Zeit ist heute so relativ wie nie.
Ich habe an diesem Wochenende noch kaum geschlafen und sitze immer noch im Chaos. Aber ich ziehe das jetzt durch: Morgen, am 19. Oktober, hat der Irrsinn der Renovierung ein ENDE.
Um 12:00 Uhr koche ich. Um 13:00 Uhr werde ich Essen servieren.
Wem? Keine Ahnung. Aber ab morgen herrscht (fast) Regelbetrieb im puck.house.
Neun Tage nach meinem 50er schreibe ich auf, was mich an diesem Tag beschäftigt hat: runde „Feste“, obligatorische Geschenke, Sorge und die Frage, ob wir einander noch zuhören.
„Ich freue mich auf meinen Hundertsten. Bis dahin möchte ich nicht bloß die Erinnerung an eure schöne Vergangenheit sein. Ich möchte mit euch Zukunft gestalten.“
Ich arbeite an /love und edition.city. Britta ist als Gesprächspartnerin schon da. Jetzt möchte ich auch Susanne, Gunnar und Rebecca wieder mit an Bord holen.
Beim Schreiben an Susanne merke ich, worum es mir eigentlich geht: Den Konzern und seine Marken habe ich nie vermisst. Dich schon.
Nicht zurück in einen alten Etat. Wieder mit Menschen etwas wagen, denen ich vertraue. Das ist der Anfang der Einladung, noch keine zugesagte Partnerschaft.
Ich begleite Menschen und Marken in ihrer Kommunikation. Wenn Du mit mir an Deiner Positionierung, Deinem Auftritt oder Deiner nächsten Entwicklung arbeiten möchtest, freue ich mich auf Deine Nachricht.